Suche

INTERVIEW DIE ZEIT

Aktualisiert: 28. Nov 2019


SEINE FOLLOWER SIND IHM EGAL


Source: zeit.de

06. November 2014


Tausende Privatanleger folgen online gemeinsam lieber dem Rat von Menschen wie "Ritschy" als offline ihrem Bankberater zu vertrauen. Ein Besuch in Wien.

Von  Marcus Pfeil

6. November 2014, 4:50 UhrEditiert am 14. November 2014, 13:23 UhrDIE ZEIT Nr. 44/2014, 23. Oktober 20141 Kommentar



Fast 3.000 Menschen folgen "#Ritschy". Sie wollen von ihm wissen, wie er sein Geld vermehrt. Sie warten darauf, welche Aktie er als Nächstes kauft oder von welcher er lieber die Finger lässt. Auf der Social-Trading-Plattform Wikifolio aus Wien können sie jeden seiner Schritte nachverfolgen. Die meisten seiner Anhänger vertrauen ihm dort so sehr, dass sie seine Anlagestrategie einfach kopieren und insgesamt fast zehn Millionen Euro in Zertifikate gesteckt haben, die sein Kauf- und Verkaufsverhalten kopieren. #Wikifolio legt solche Zertifikate gemeinsam mit dem Düsseldorfer Börsendienstleister Lang & Schwarz immer dann auf, wenn es Typen wie "Ritschy" gelingt, die Herde der Anleger von sich zu überzeugen. "Ritschy" hat drei verbriefte Portfolios, alle drei haben ihren Wert seit Frühling 2013 mehr als verdreifacht. Von Wikifolio bekommt "Ritschy" dafür eine Erfolgsprovision, in diesem Jahr wird für ihn wohl ein hoher fünfstelliger Betrag herausspringen.

Tausende Privatanleger begeben sich online lieber gemeinsam in die Hände von Menschen wie "Ritschy", als offline allein ihrem Bankberater zu vertrauen.

Wikifolio ist ein Tummelplatz für Menschen, die sich die Aktienanlage zutrauen, aber keine Zeit haben, sich selbst darum zu kümmern. So wie beim Kurznachrichtendienst Twitter vom Wissen anderer Nutzer wollen sie auf den Social-Trading-Plattformen von den Ideen anderer Investoren profitieren. Und Geld verdienen, indem sie das Kauf- und Verkaufsverhalten der erfolgreichsten Investoren nachahmen.

Seit der Gründung im Jahr 2012 haben sich über 20.000 User auf Wikifolio registriert, 5.700 haben ihre Strategien ins Schaufenster gestellt, 1.700 davon können Privatanleger als Zertifikate über die Börse Stuttgart kaufen oder verkaufen. Fast 100 Millionen Euro stecken derzeit in solchen Papieren, 60 Millionen mehr als Ende 2013.


WIKIFOLIO


Auf der Plattform können Privatpersonen und Finanzprofis ihre Strategien als veröffentlichen. Anleger können ihnen dabei folgen. Kommen genügend Follower zusammen, verbrieft das Start-up die Wikifolios in Zertifikaten, die die Anleger wiederum für eine Gebühr von 0,95 Prozent kaufen können. Schneidet das Papier besser ab als ein zuvor festgelegter Vergleichsmaßstab, teilen sich Händler und Wikifolio die Erfolgsprovision, die zwischen fünf und maximal 30 Prozent liegt. Steigt das Volumen des verkauften Zertifikats über 125.000 Euro, bekommt der Händler bis zu 50 Prozent der Provision.

"Ritschy", wie er sich auf Wikifolio nennt, heißt im wirklichen Leben Richard Dobertsberger. Er ist 33 Jahre alt und, bezogen auf das Geld, das seine Follower in seine Portfolios gesteckt haben, der erfolgreichste Investor auf der Plattform. Sein Handelssaal ist sein Arbeitszimmer. Von hier aus schaut er nicht auf ein Arsenal aus Bloomberg-Terminals, sondern über die Dächer des 14. Bezirks in Wien. Zwei Notebooks, dazwischen eine Ikea-Tischlampe, das war’s. Vor dem Balkon Bastmatten, mit denen er sich vor neugierigen Blicken schützt. Ein Börsenguru kommt anders daher, Dobertsberger ist kein einsamer Nerd, auch kein getriebener Daytrader oder adrenalinsüchtiger Hochfrequenzhändler, er hat nicht mal eine Vergangenheit in der Finanzbranche. Stattdessen hat er Molekularbiologie und Politikwissenschaft studiert. Er sagt, er brauche nicht viel, um sich auf dem Laufenden zu halten. "Eigentlich nur mein Smartphone."

Wenn Richard Dobertsberger nicht gerade an der Börse spekuliert, arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung eines großen Pharmaunternehmens. Mehr als zehn bis 15 Stunden in der Woche könne er sich daher nicht um die Börse kümmern, schließlich bilde er sich berufsbegleitend gerade noch zum MBA fort. Und eine Freundin, die habe er ja auch noch.

Dobertsberger unterhält drei Portfolios, die er auf der Plattform veröffentlicht hat und die Wikifolio in Zertifikaten verbrieft hat. Vor allem Technologieaktien und Pharmafirmen scheint er zu mögen. #Tesla zum Beispiel, die US-Firma, die so schicke Elektroautos baut. Dobertsberger sagt, Typen wie Tesla-Gründer Elon Musk faszinierten ihn. Also saugt er jede Info über Tesla aus dem Netz, fährt den Sportwagen Probe, trifft Musk auf einer Konferenz in München. An der Börse gibt es viele Musk- und Tesla-Fans, die #Aktie ist seit Anfang 2013 von 40 auf 230 Dollar geklettert. "Ritschy" war schon vorher dabei, er ist für 27 Dollar eingestiegen. Kürzlich hat er die Aktie verkauft. "Schade, aber zu teuer", sagt er. "Die Wahrscheinlichkeit, dass der Aktienkurs fällt, ist jetzt größer."

Richard Dobertsberger spricht viel in Wahrscheinlichkeiten. "Weil die Weltgesundheitsorganisation auf die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Ebola drängt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei eins zu sechs, dass es bald ein Mittel gegen das Virus gibt", sagt er. Und bis dahin würden die Medien das Thema Ebola und potenzielle Kandidaten für die Impfstoffentwicklung schon so lange pushen, dass auch der Kurs von Tekmira steige, einer Pharmafirma, von der Dobertsberger wissen will, dass sich ihr Serum in der klinischen Phase zwei ganz gut schlage. Und so gleicht der Kursverlauf der Aktie in etwa dem dramatischen Anstieg der Ebola-Toten in Afrika.

Können Sie eine Bilanz lesen?

Seit ich mit dem MBA angefangen habe, schon.

Würden Sie Zalando kaufen?

Nein!

Was machen Sie, wenn die Technologie-Blase platzt?

Dann habe ich den Vorteil, dass ich mich in der defensiven Pharmabranche auskenne.

Würden Sie ohne die Transparenz auf der Plattform Wikifolio stets ebenso handeln?

Vielleicht nicht. Wikifolio diszipliniert, weil ich mich auf eine klare Strategie festlegen muss – etwa wenn es darum geht, wie viel ich maximal bereit bin zu verlieren. Vor meinen Followern muss ich dann schon streng mit mir sein.

Sind Sie ein besserer Fondsmanager?

Das geht zu weit.

Wikifolio sei für ihn eher wie ein Computerspiel, sagt er. Es gehe ihm nicht darum, reich zu werden. Das Geld, das Anleger in seine Wikifolio-Zertifikate investieren, fühle sich für ihn an wie Spielgeld. Ein wenig wie früher, als er als Teenager noch auf seinem 386er das Strategiespiel Patrizier gespielt habe Damals habe er als Händler zur Blütezeit der Hanse agiert, Stoffe und Gewürze ge- und verkauft, heute seien es halt Tesla und Tekmira.

Für die Börse hat er sich schon mit Anfang 20 interessiert. Nach dem Abi hat er auf dem Bau gejobbt, Fernwärmerohre hat er verlegt und in seiner Freizeit den Ratgeber Was zählt an der Börse? gelesen. Im Tränental der New Economy hat er dann seine ersten Schritte gewagt, mit 10.000 Euro. "Die Telekom Austria war meine erste Aktie." Am Ende hatte er sich sein Studium finanziert. Heute verdient er an der Börse mehr als in seinem Hauptberuf.

Dass er auf Wikifolio überhaupt mitspielt, verdankt er seinem Bankberater bei der Raiffeisenbank, der ihn 2013 auf die Plattform aufmerksam gemacht hat, und Andreas Kern, der das Start-up gegründet hat. Der hatte die Nase voll von seinem Bankberater und dessen Anlageempfehlungen. Bei fast allen Produkten habe immer nur die Bank richtig verdient, sagt er. Eigentlich wollte er das Unternehmen schon 2008 gründen, doch damals seien alle mit dem Überleben beschäftigt gewesen.

Heute ringen ein Dutzend solcher Plattformen um die Gunst der Anleger, und Wikifolio ist mit seinen 260 Millionen Euro, die die Anleger insgesamt bereits in den Zertifikaten angelegt haben, so etwas wie der Marktführer in Europa. "Von spekulativen und entsprechend auf Rendite getrimmten Strategien bis zu konservativen und auf nachhaltiges Wachstum ausgelegten Varianten mit geringer Schwankung ist alles zu finden", sagt Wikifolio-Gründer Andreas Kern. "Drei von vier der Händler auf Wikifolio sind besser als der Dax."

Und im Gegensatz zu den meisten Wettbewerbern ist Kerns Gebührenmodell erfolgsorientiert. "Ritschy" und Co. erhalten immer dann eine Provision, wenn sie besser waren als ein von Wikifolio und den Kunden festgelegter Vergleichsmaßstab.

Gleiches gilt auch für die 30 professionellen Vermögensverwalter, die sich inzwischen auf die Plattform trauen. "Für die Verwalter sind wir eine gute Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen", sagt Kern. Es seien vor allem die Mutigen, die die Transparenz und das Internet als Vertriebskanal für sich entdeckt hätten.

So ist es kein Wunder, dass Verbraucherschützer Wikifolios Transparenz erst einmal loben, auch wenn sie vor einem Schwachpunkt der Plattform warnen. So können Anleger zwar nachvollziehen, was "Ritschy" in seinen Portfolios so treibt, doch können sie nicht wissen, ob er eine Aktie vorher schon in seinem privaten Depot bei der Raifffeisenbank hatte, allerdings nicht. Zwar unterscheidet Wikifolio Händler, die mit ihrem eigenen Geld auch ihre eigenen Zertifikate gekauft haben, bei "Ritschy" sind das etwas mehr als 25.000 Euro. "Ausschließen, ob jemand auf eigene Rechnung Insidergeschäfte betreibt, können wir aber nicht", sagt Kern. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wertpapieraufsicht aufgrund der Transparenz bei Wikifolio auffällige Kursbewegungen bei illiquiden Aktien schneller bemerke, sei aber recht groß.

Und natürlich, warnen die Verbraucherschützer, verlieren Anleger wie bei jedem Zertifikat ihr Geld wie einst nach der Lehman-Pleite, wenn die Bank, die das Papier emittiert, pleitegeht – bei Wikifolio ist das immer Lang & Schwarz. Genauso sei es riskant, sich von kurzfristigen Erfolgen verleiten zu lassen, zu viel Geld in einzelne Papiere zu stecken. Denn das Plattformprinzip hat durchaus Auswirkungen auf die Risikobereitschaft. So hat eine Studie der Uni Bochum ergeben, dass Händler, die auf Basis des durch sie initiierten Handelsvolumens oder der ihnen folgenden Nutzer bezahlt werden, höhere Risiken eingehen.

Wer der Herde folgt, der gewinnt an der Börse selten. Das hat schon der Börsenweise André Kostolany gepredigt. Ob "Ritschy" schon mal Ärger mit seinen Followern hatte?

Nein!

Kennen Sie Ihre Anhänger persönlich?

Nur meinen Bruder, sagt er. Sonst habe ich noch keinen getroffen. Und es ist mir ziemlich egal, ob die Kleinsparer mit mir zufrieden sind.

Was, wenn Sie immer nur Glück gehabt haben seit 2007?

Kann man das denn je im Leben ausschließen? Aber ich hoffe, dass es nicht immer nur Glück war.


Source: zeit.de

06. November 2014

Tausende Privatanleger folgen online gemeinsam lieber dem Rat von Menschen wie "Ritschy" als offline ihrem Bankberater zu vertrauen. Ein Besuch in Wien.

Von  Marcus Pfeil

6. November 2014, 4:50 UhrEditiert am 14. November 2014, 13:23 UhrDIE ZEIT Nr. 44/2014, 23. Oktober 20141 Kommentar

Wir auf Sotrawo präsentieren Trading Ideen, zeigen unterschiedliche Trading Plattformen und liefern hierzu Hintergrundinformationen.

  • Black YouTube Icon
  • Black Twitter Icon
  • Black LinkedIn Icon
  • Black Facebook Icon
  • Black Instagram Icon

© 2015  —  2020 SOTRAWO.  Alle Rechte vorbehalten.

Impressum    Datenschutz

  • Grey Facebook Icon
  • Grey Instagram Icon
  • Grey Twitter Icon
  • Grey LinkedIn Icon
  • Grey YouTube Icon

Offenlegung: Die hier veröffentlichten Trading-Ideen sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Sie müssen außerdem davon ausgehen, dass der Autor die jeweils diskutierte Position selbst in seinem Portfolio hält und insofern von einer Umsetzung einer Trading-Ideen profitiert. Risikohinweis: Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.